MAKE MUSIC NOT LOVE – über be_deutungen von ‚liebe‘ und musik_machen

diesen artikel hat make music not love für die zweite ausgabe des zines „wer ‚a‘ sagt, muss nicht ‚b‘ sagen“ geschrieben, welches in kürze erscheinen wird.
mehr infos über das „sexpositive zine über a_sexualität“ findet ihr hier: http://asexyqueer.blogsport.de/

über be_deutungen von ‚liebe‘ und musik_machen

ich habe mit einigen meiner band_freundinnen eine vorliebe dafür, sprüche und slogans, die es schon gibt, zu verändern, so dass sie unseren feministischen ansichten gerecht werden. dabei geht es häufig um das kritische hinterfragen von normen. auch jenen, die in feministischen kontexten nicht immer hinterfragt werden. so änderten wir beispielsweise den spruch „have sex, hate sexism“ in „hate sex, hate sexism“. was fällt menschen eigentlich ein, andere aufzufordern, sex zu haben? welche_r versteht was unter sex und warum wird so häufig davon ausgegangen, dass alle sex haben_wollen_können?

MAKE MUSIC NOT LOVE ist eine abwandlung des anti-kriegs-slogans „make love, not war“ der 1960er jahre. „freie liebe“ als gegenkonzept zur rigiden bürgerlichen sexualmoral stand für viele typisierte* jedoch häufig einfach dafür mit vielen frauisierten* sex zu haben, was in dem bekannten spruch „wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum establishment“ zum ausdruck kommt. hier wird deutlich: es geht um heterosex und es geht darum, sich aus typisierter perspektive eine frauisierte zu „nehmen“ und danach die nächste. objektifizierende sexistische kackscheiße nennt eine sowas. patriarchat, dominanz von typisierten und heteronorm prägte auch zu dieser zeit politgruppen, wohnprojekte und künstler_innenkollektive. MAKE MUSIC NOT LOVE musste also den mehr als problematischen spruch folgendermaßen umschreiben: „welche zweimal mit derselben spielt, hat schon eine band formiert“!

das LOVE in MAKE MUSIC NOT LOVE bezieht sich also einerseits auf den sexnormativen aufruf zum „liebe machen“ (im sinne von sex haben). gleichzeitig bezieht sich das LOVE auch auf hetero_romantische_zweier_liebes_beziehungs_konzepte, also auf ein gesellschaftlich vorherrschendes liebesideal. es ist eine idee von liebe, die sich historisch herausgebildet hat und nicht schon immer einfach so da gewesen ist. diese idee von liebe – oft als dominantes bürgerliches liebesideal bezeichnet – ist in den meisten fällen auf ein gegenseitiges begehren von typisierten und frauisierten bezogen. voraussetzung dafür ist die annahme, dass es nur frauisierte und typisierte gibt und dass vollkommen klar ist, was „mann“ und „frau“ ausmacht. diese zusammenhänge unhinterfragt vorauszusetzen und als „normal“ zu begreifen, das bedeutet zutiefst im heteronormativen sumpf zu stecken und es gar nicht zu bemerken. manchmal wird mit evolution argumentiert, mit der „natur“ des menschen, mit dem verhalten von tieren oder dem aufbau von gehirnen. „fortpflanzung“ als begründungszusammenhang ist in den meisten argumentationen auch immer ganz vorne mit dabei. es wird sich selten damit auseinandergesetzt, dass die idee von der romantischen hetero_liebe und ihre vielfältigen naturalisierungsversuche noch gar nicht so alt ist. die liebe ist durch und durch ein kulturelles produkt. und nicht wenige menschen können und_oder wollen überhaupt nichts mit diesem liebeskonzept anfangen.

nun ist es leider so, dass unglaublich viele song von romantischen_hetero_sex_zweier_liebes_beziehungen handeln. das heißt, sie tragen dazu bei, vorstellungen darüber zu entwickeln, was „LOVE“ sei. musik(_videos_performances_coverbilder) sind also daran beteiligt, ideen von „LOVE“ zu erzeugen. musik macht liebe. wir wollen allerdings nicht, dass musik liebe macht! jedenfalls nicht „liebe“ im sinne eines normativen liebesideals und_oder im sinne von „wir müssen alle sex haben_wollen“.

musik spiegelt nicht einfach nur bereits vorhandene gefühlswelten wider, sondern produziert sehnsüchte und schafft w_orte_klänge um ein vielfältig-komplexes unspezifisches empfinden gemäß ideologischer prämissen in ein korsett zu schnüren und allen vor die füße zu kotzen. ob sie wollen oder nicht.
ein beispiel: mag ja sein, dass manche menschen eine körperlich reaktion empfinden, wenn sie eine bestimmte person sehen oder diese ihnen näher kommt, zum beispiel, dass ihr herz schneller schlägt. so. das könnte verschiedene gründe haben. beispielsweise angst. nehmen wir allerdings mal an, dass es eher ein positiv besetztes empfinden ist und eine zuneigung zu dieser person vorhanden ist. erinnern wir uns nun an die unzähligen liebes_songs, die irgendwas mit „my heart beats faster“ zum inhalt haben und auch der rest des songtextes ZUFÄLLIG mit romantischen_liebes floskeln durchsetz ist. sowas wie „ich habe mein ganzes leben nur auf dich gewartet“, „ich kann nicht ohne dich leben“, „ich habe noch nie vorher so für einen menschen gefühlt“. wenn das herz schneller schlägt, dann schwupps, kann ich dank der musik_texte mein empfinden einordnen. es muss „liebe“ sein oder zumindest verliebtheit! diese songtexte sind von gesellschaftlichen hetero_liebesnormen durchdrungen und ständig ist eine diesen songs ausgesetzt!

eine befreudete musikerin schrieb mir letztens in einer mail, dass ihre songs häufig als liebessongs interpretiert würden, obwohl sie eigentlich gar nicht von romantischer paar_liebe handeln. „du“, „dir“, „dich“ in vielen unterschiedlichen kontexten in songs zu benutzen kann ja erstmal alles mögliche bedeuten. eigentlich. aber auch die lesart von songs ist nicht von hetero_liebes_zweier_paar_normativen interpretationen befreit.

das heißt musik trägt dazu bei dominante vorstellungen von liebe zu_erzeugen_ver_festigen. gleichzeitig werden songs zum großteil gemäß dominanter vorstellungen von liebe gedeutet. es ist also ein ineinandergreifen von beidem.

das heißt aber auch, dass widerstand, kritik oder bedeutungsverschiebungen – ob nun bewusst oder nicht – auf beiden ebenen ansetzen können. ich kann songtexte schreiben oder bestehende songtexte so verändern, dass sie mit dominanten ideen von liebe brechen. ich kann – und das passiert ja ohnehin, da unsere lebensrealitäten und sozialen positionen unterschiedlich sind – bestehende songtexte verschieden deuten, so dass sie für mich und mein leben_begehren sinn ergeben. jedoch funktioniert auch das häufig nicht. dann halte ich mir die ohren zu oder drehe den volumeregler auf 0, weil ich enttäuscht, wütend oder frustriert bin.

manchmal bin ich traurig, dass ich keine oder kaum songs über freund_innenschaft finde_kenne. oder dass es keine songs darüber gibt, wie schön, emotional und bedeutsam es ist eine konstante bandbeziehung zu haben. oder wie es wehtut, wenn eine musik_freundin die band verlässt oder sich die band trennt. und wo sind eigentlich die songs über visionen des gemeisam lebens mit vielen lieben freund_innen, feministischen erholungszentren, gegenseitiger fürsorge und verantwortung, selbstgewählten netzwerken über die bürgerliche kleinfamilie hinaus?

ausgangspunkt unserer überlegungen ist auch, dass zweier_paar_liebes_beziehung_en so häufig (neben erwerbsarbeit) ein zentraler stellenwert im leben zugeschrieben wird, für uns aber musik_machen in vielfältiger form diese rolle einnimmt. es geht um freund_innenschaft und darum bandkostellationen als mögliche konstante liebes_beziehung zu denken. es geht um netzwerke und solidarität, alternativen des zusammenlebens, visionen des gemeisamen lebens mit musiker_innen, künstler_innen, politischen aktivist_innnen, freund_innen. w_orte im leben zu finden, in songtexten_romanen_gedichten vorzukommen und anderen ermöglichen sich in diesen w_orten wiederzufinden.
* die begriffe frauisiert und typisiert verwende ich im text anstelle von ‚frau‘ und ‚mann‘ um deutlich zu machen, dass diese kategorien nicht etwas benennen, was schon immer-so-da war und immer-so-da-sein-wird, sondern dass es prozesse der permanenten herstellung und stabilisierung sind, die ‚frau‘ und ‚mann‘ erzeugen und vorstellungen darüber aufrechterhalten. ich beziehe mich in meinem schreiben auf konzepte und ideen aus dem buch „feminismus schreiben lernen“ vom ak feministische sprachpraxis. der unterstrich ermöglicht mir mein denken_schreiben zu verändern, scheinbar abgrenzbare kategorien wie denken_fühlen zu hinterfragen und normen, die sich gegenseitig stabilisieren und miteinander zusammenhängen beschreibbar zu machen, wie bei romantische_zweier_paar_hetero_sex_liebes_beziehungen zum beispiel.

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